14.03.2015

Das Bundeskinderschutzgesetz – eine Chance für die Mundgesundheit der Kleinsten?

Seit dem 1. Januar 2012 gilt in Deutschland das „Gesetz zur Stärkung eines aktiven Schutzes von Kindern und Jugendlichen“, kurz: Bundeskinderschutzgesetz. Ziel des Gesetzes ist es, das Wohl von Kindern und Jugendlichen zu schützen und ihre körperliche, geistige und seelische Entwicklung zu fördern.  Zur gesunden Entwicklung eines Kindes gehört von Anfang an auch die Mundgesundheit. Frühkindliche Karies, die nach neueren Studien rund 15 % der unter Dreijährigen betrifft, stellt eine massive Entwicklungsbeeinträchtigung für ein kleines Kind dar: Die Nahrungsaufnahme, die weitere Gebissentwicklung, die Sprachentwicklung – und damit kindliche Bildungsprozesse - , ebenso die soziale Akzeptanz sind in der Regel in Mitleidenschaft gezogen, wenn ein Kind in starkem Maße von frühkindlicher Karies betroffen ist. Die Akteure der Gruppenprophylaxe bemühen sich seit einigen Jahren verstärkt, Eltern und Betreuungseinrichtungen der Kleinsten mit primärpräventiven Ansätzen zu erreichen. Die Regelungen des Bundeskinderschutzgesetzes zum Ausbau Früher Hilfen bieten den regionalen Arbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege die Chance, ihre Botschaften und Hilfestellungen gezielter und persönlicher an die jungen Eltern zu bringen.

Multiprofessionelle Unterstützung durch verbindliche Netzwerke

Kernstück des sechs Artikel umfassenden Bundeskinderschutzgesetzes ist dessen erster Teil, das „Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG), das für  ein möglichst frühzeitiges, koordiniertes und multiprofessionelles Unterstützungsangebot für junge Eltern sorgen soll. § 2 des KKG regelt,  dass werdende und junge Eltern über Leistungsangebote im örtlichen Einzugsbereich zur Beratung und Hilfe in Fragen der Schwangerschaft, Geburt und der Entwicklung des Kindes in den ersten Lebensjahren informiert werden. § 3 beschreibt, dass und wie verbindliche Netzwerkstrukturen vor Ort aufzubauen sind, in denen Fragen der Angebotsgestaltung geklärt und Verfahren im Kinderschutz aufeinander abgestimmt werden. Auch sind hier eine Reihe von Partnern genannt, die auf jeden Fall in die Netzwerke einzubeziehen sind – u. a. Gesundheitsämter und Angehörige der Heilberufe. Diese Netzwerke sollen durch den Einsatz von Familienhebammen zur Beförderung der Frühen Hilfen verstärkt werden. Hierfür stehen durch eine Bundesinitiative in den nächsten vier Jahren Aufbaumittel zur Verfügung: 30 Millionen Euro in 2012, im Jahr 2013 45 Millionen Euro und in den Jahren 2014 und 2015 jeweils 51 Millionen Euro. Im Anschluss wird ein Fonds zur Sicherstellung der Netzwerke Frühe Hilfen dauerhaft mit 51 Millionen Euro jährlich aus Bundesmitteln gestützt.

Nach Auskunft des zuständigen Referats „Schutz von Kindern“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erarbeiten Bund und Länder derzeit eine gemeinsame Verwaltungsvereinbarung, die die nähere Ausgestaltung der Bundesinitiative  - und damit konkrete Fragen zu Ausbildung und Einsatz der Familienhebammen - regeln soll.

Gruppenprophylaxe muss Partnerschaften eingehen

Diese nun im Aufbau befindlichen Strukturen bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Gruppenprophylaxe:

  • Regionale Arbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege können ihre Inhalte und Angebote als Partner in den lokalen Netzwerken einbringen. Nicht überall sind die Arbeitsgemeinschaften den örtlichen Handelnden der Jugendhilfe, die hier federführend tätig sind, so bekannt, dass sie automatisch angefragt oder einbezogen werden. Sie müssen also aktiv ihre Mitarbeit in den Netzwerken vor Ort anbieten.
  • Durch die Mitwirkung in den Netzwerken auf kommunaler und auf Landesebene ergibt sich auch die Chance, beim Ausbau der Familienhebammenstrukturen sicherzustellen, dass Informationen zur Mundpflege des Babys oder Kleinkindes zu den Präventionsbotschaften gehört, die die Familienhebamme den jungen Eltern anbietet.
  • In der Gruppenprophylaxe tätige Zahnärzte und Prophylaxefachkräfte können wichtige Partner in lokalen Kinderschutznetzwerken sein, in dem sie zu einer interdisziplinären Gefährdungseinschätzung und Hilfeentwicklung beitragen: Die Akteure der Gruppenprophylaxe sehen die Kinder regelmäßig. Gerade zu Kariesrisiko-Kindern, die im Rahmen von Intensivprophylaxe-Maßnahmen betreut werden, besteht häufiger Kontakt. Stark kariöse Gebisse  bzw. ein verwahrloster Mundhygienezustand bedeuten nicht zwangsläufig eine Kindeswohlgefährdung, sind jedoch zumindest ein möglicher Indikator für eine vorliegende Vernachlässigung. Dies gilt insbesondere dann, wenn dem Hinweis an die Eltern, eine Sanierung vornehmen zu lassen, nicht entsprochen wird. Immer wieder kommt es auch vor, dass Zahnärzte und Prophylaxefachkräfte an einzelnen Kindern Anzeichen von Kindeswohlgefährdung wahrnehmen. Spuren von Gewaltanwendung gegen Kinder manifestieren sich häufig im Kopf- oder Halsbereich: Studien zeigen, dass 50 Prozent der misshandelten Kinder orofaziale Läsionen oder Verletzungen in der Halsregion aufweisen. Eingebunden in Kinderschutznetzwerke vor Ort bleibt der Einzelne mit seinem Verdacht und der Unsicherheit, wie zu handeln ist nicht allein; er kennt die Ansprechpartner der Jugendhilfe, und es gibt feste Strukturen, in denen eine individuelle Beurteilung der Situation des Kindes vorgenommen wird.

Verdacht auf Kindeswohlgefährdung - welche Regeln gelten?

Für diese Fälle schafft das neue Bundeskinderschutzgesetz ebenfalls mehr Klarheit: § 4 des KKG regelt die “Beratung und Übermittlung von Informationen durch Geheimnisträger bei Kindeswohlgefährdung“. Der Zahnarzt/die Zahnärztin muss nicht fürchten, die zahnärztliche Schweigepflicht zu verletzen, wenn er/sie den im Rahmen gruppenprophylaktischer Arbeit geschöpften Verdacht auf Kindeswohlgefährdung nach dem hier definierten Verfahrensweg thematisiert: Zunächst ist das Gespräch mit dem Kind/Jugendlichen und den Sorgeberechtigten zu suchen und auf die Inanspruchnahme von Hilfen hinzuwirken. Dabei hat er Anspruch auf die Unterstützung durch eine Kinderschutzfachkraft, und er ist befugt, dieser die nötigen Daten in pseudonymisierter Form zu übermitteln. Ist dieses Vorgehen erfolglos, ist er befugt, das Jugendamt zu informieren und auch die Daten weiterzugeben, wobei die Betroffenen zu informieren sind, es sei denn, der wirksame Schutz des Kindes würde dadurch in Frage gestellt.


Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass das zu Jahresbeginn in Kraft getretene Bundeskinderschutzgesetz Chancen zur Förderung auch der Mundgesundheit von Kindern und Jugendli-chen bietet: Einerseits durch neue primärpräventive Ansätze und Zugangswege zu werdenden Eltern und Müttern und Vätern von Kleinkindern, andererseits durch die Definition verbindlicher Hilfsstrukturen für  - auch (mund)gesundheitlich -  vernachlässigte Kinder und Jugendliche.

Interessante Links zum Bundeskinderschutzgesetz:

Informationen des Bundesfamilienministeriums
http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/kinder-und-jugend,did=119832.html

Der Gesetzestext im Wortlaut

Übersicht des Landschaftsverbandes Rheinland über die zentralen Änderungen durch das Bundeskinderschutzgesetz 

Informationen in der zm 102, Nr. 12 vom 16.06.2012:

Eine Fassung dieses Artikels ist unter dem Titel "Kindliche Gesundheit besser schützen" im Rahmen der Titelstory "Häusliche Gewalt. Richtig reagieren" in der zm erschienen: Link

 

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